Smartphones wegwerfen, offline leben?! Warum extreme Meinungen uns nicht weiterbringen

Der technologische Fortschritt ist nicht aufzuhalten

Die Vorgeschichte

Frau N. ist vom Ende der Smartphones überzeugt

Anfang Juni habe ich Frau N. auf einem Event für Frauen kennengelernt. Frau N. ist Mitte Vierzig, taff und bodenständig, eine Macherin und Mutter einer Tochter. Als ich ihr von meinem Herzensprojekt Wie werden wir? erzähle, ist sie begeistert. Wir tauschen uns über Technologien der Zukunft und Digitalisierung aus. Dazu hat Frau N. eine Meinung, die ihr auf dem Herzen brannte: „Wir werden irgendwann unsere Smartphones wegwerfen und wieder offline zusammen sein – live und in Farbe.“ Wenn Frau N. wüsste, dass sie mich mit ihrer Meinung zu einem Artikel inspiriert hat…

Werden wir unsere Smartphones irgendwann in den Mülleimern dieser Welt versenken und wieder analog leben? Die zunehmende Digitalisierung unserer Lebensbereiche stärkt den Wunsch nach einem Leben offline. Was bringt die Zukunft – und welche Wahl haben wir?

Frau N. hat in einem Recht: Smartphones werden wir nicht mehr lange nutzen. Eine Vision der Zukunft könnte so aussehen: Die Smartphones verschwinden vom Markt, weil die Rohstoffe fehlen, die Strahlung krank macht oder die Benutzung abhängig macht. Egal welcher Grund das Smartphone auslöscht, wir würden in der Bahn wieder miteinander sprechen, uns für ein Gespräch persönlich treffen und uns wieder auf der Straße verlieben. Ganz live und offline.

Aber das ist keine realistische Vision, denn die digitale Revolution ist kaum mehr aufzuhalten, schon gar nicht rückgängig zu machen. Die Rohstofffrage stellt sich spätestens dann nicht mehr, wenn wir statt Smartphones kleine Chips im Unterarm implantiert tragen. Wenn dann kein Coltan mehr verarbeitet wird, wäre der Chip unter der Haut eine umweltschonende und menschenachtende Lösung (Stern Artikel: Abbau von Coltan im Kongo – „Blut im Handy“).

Das Ende des Smartphones wird nicht das Ende der digitalen Vernetzung der Welt, sondern der Anfang einer neuen Dimension der Vernetzung bedeuten.

Immer wahrscheinlicher wird die Verschmelzung von unseren Körpern mit der Technik. Chips in der Haut erweitern unseren Körper, unser Körper wird zum Empfänger, Speicher und Sender von Daten. Gruselige Vorstellung.

Smartphone wegwerfen und wieder offline leben

So vielfältig die Gesellschaft, so vielfältig die Meinungen

Wer sich wie Frau N. wünscht, mehr Zeit offline zu verbringen, hat noch immer die freie Wahl. Doch der starke Rückgang von Festnetz-Anschlüssen (hast du noch ein Festnetz-Telefon?) ist ein Beweis dafür, dass die Smartphones schon längst DAS Kommunikationsmittel sind (Umfrage vom Marktforscher VansonBourne) – und schon bald wohl genauso überholt sind.

Wer komplett weg vom technologischen Fortschritt will, muss also mehrere Milliarden Menschen davon überzeugen, das auch zu tun. Solange es aber Milliarden potentieller Kunden gibt, die Lust haben auf neue Technik, wird das Back to Basic schwierig. Industrie und Wirtschaft bauen auf diesen Innovationen auf.

Tradition oder Technologie, Offline oder Online? Das ist eine Frage der Sozialisation. Wer mit einem Smartphone oder Tablet aufgewachsen ist, ist Digital Native und steht technologischen Fortschritt weniger skeptisch gegenüber als die älteren Generationen.

Es wird immer eine Generationenfrage bleiben: Wenn die Jungen älter werden, werden sie die neuen Jungen nicht mehr verstehen. So sieht Frau N. als Mutter die Smartphone-Nutzung ihrer Tochter kritisch. Ihre Tochter schätzt die Vorzüge einer ständigen digitalen Verbundenheit.

DIE RÜCKBESINNUNG WAR UND WIRD IMMER TEIL UNSERER GESELLSCHAFT SEIN, GENAU WIE DER FORTSCHRITT. UND DAS IST WICHTIG SO, DENN DIE ÄLTEREN SIND DIE KRITIKER DER JUNGEN UND DIE JUNGEN SIND DIE TRIEBKRAFT FÜR INNOVATIONEN.

Vorsicht: Technologien sind auch Gefahr für unsere Sicherheit

Frau N. steht der Technik kritisch gegenüber, weil sie das Gefühl hat, sie nicht unter Kontrolle zu haben, nicht als Nutzerin und nicht als Mutter ihrer Tochter. Sie hat Recht. Beispiele der jüngsten Vergangenheit zeigen: gehackte Konten, Smart Homes, deren Garagentüren aus sicherer Entfernung durch einen Cyberangriff geöffnet werden (Recherche der Süddeutschen), digitale Babyphones, die übers Internet Fremden Einblick ins Kinderzimmer geben (Recherche der Süddeutschen) sowie Jugendliche, die Opfer von Cybermobbing werden (Netflix-Serie Tote Mädchen lügen nicht).

Warum wir technische Innovationen auf den Markt bringen, die unsicher sind? Weil wir schneller Innovationen entwickeln, als wir Menschen hinterherkommen.

Technologische Entwicklungen sind schneller als unsere Ethik, Moral und Gesetzgebung. Als Bildung, Bewusstsein und Umgang. Unsere Technologien überholen uns.

Smartphone wegwerfen und offline sein

Fortschritt ist unaufhaltsam, es zählt am Ende das, was wir daraus machen. Extreme Meinungen bringen uns nicht weiter.

Trotz aller Gefahren: Was passiert, wenn wir die Technologie NUR als gefährlich bewerten? Was passiert, wenn wir so extreme Meinungen über die Zukunft vertreten?

  • wir sehen das Gute nicht mehr
  • wir ärgern uns über Zustände, die wir nicht ändern können
  • wir verbrauchen Energie, die wir konstruktiv einsetzen könnten
  • wir verengen unseren Blick und schauen nicht mehr rechts und links
  • wir versuchen alle anderen von unserer Meinung zu überzeugen

Auch wenn wir mittlerweile Dauer-Online sind, entsteht eine konstruktive, ja eine gesunde Gegenbewegung. Mit der rasanten technologischen Entwicklung und den unschätzbaren Risiken steigt auch das Bedürfnis, sich auf das Wesentliche zurückzubesinnen: auf das, worauf Verlass ist. Auf Körper und Seele. Wir machen Sport, meditieren, detoxen, schweigen, wandern, alles findet ganz bewusst offline im Hier und Jetzt statt – keine digitale Bewusstseinserweiterung. Wir wollen und müssen uns selbst wieder mehr spüren in dieser Zeit. Uns selbst genug sein. Das Smartphone begleitet uns aufs Klo und ins Bett. Solange wir keine Chips implantiert haben, haben wir die Wahl, wann wir uns Zeit für Offline nehmen, und wann wir die Zeit online konstruktiv nutzen wollen.

Frau N., Tradition und Fortschritt, beides bereichert unser Leben, beides hat schon immer koexistiert und sich gegenseitig befruchtet. Technologischen Fortschritt abzulehnen, bedeutet, die Zukunft abzulehnen. Rückbesinnung auf die Offline-Zeit abzulehnen, bedeutet, die Kontrolle über die Technologie und sich selbst zu verlieren.

Liebe Frau N., wir brauchen Beides. Unser Leben ist polar: Es ist offline und online, alleine und vernetzt, sicher und unsicher. Alles im Leben hat zwei Seiten  – und das macht es spannend. Vorausgesetzt, wir bleiben kritisch und verlassen uns weiterhin auch aufs „echte“ Leben!

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