#04 Wie werden Frauen in Zukunft erfolgreich selbstständig?

"Nine to Five zu arbeiten, finde ich Banane. Das wird in Zukunft nicht gut für uns sein." Interview mit Sandra Stabenow
Hamburgerin Sandra Stabenow ist selbstständig und Gründerin von Frau, frei und

#04 Zukunftsfrage: Wie werden Frauen in Zukunft erfolgreich selbstständig? Gründerin von „Frau, frei &“ Sandra Stabenow hat Antworten.

Über Sandra

Sandra Stabenow ist leidenschaftlich selbstständig. Als Mitbegründerin von Frau, frei & erzählt sie die Geschichten selbstständiger Frauen und bringt in Artikeln Klarheit in das Dickicht der Bürokratie. Das Netzwerk für selbstständige Frauen verbindet deutschlandweit Frauen miteinander. In ihrer Heimatstadt Hamburg veranstaltet Sandra regelmäßig Frühstück für selbstständige Frauen, auch in anderen Städten lädt sie dazu ein, zusammenzukommen.

Sandra, wie werden Frauen in Zukunft erfolgreich selbstständig?

Ideal wäre, dass wir alle arbeiten können, wie wir möchten. Damit es nicht heißt: Wir haben unsere Arbeit und müssen unser Leben drum herum gestalten. Sondern genau anders herum: Wir haben unser Leben, und das was wir umsetzen möchten, sei es, viel mit Freunden oder Familie zu unternehmen, und dass sich die Arbeit darum herum ergibt. Und dass jeder so aufgeklärt ist und über die Möglichkeiten der Selbstständigkeit Bescheid weiß. Dass wir aufgeklärter sind und das System in Deutschland uns alle beruflichen Möglichkeiten offen hält.

Ideal wäre auch, dass wir in Zukunft mehr Gründerinnen haben. Keiner sollte sich mehr Sorgen machen, wenn sich eine Selbstständigkeit nicht als passend erweist. Wir sollten dann flexibel andere Formen ausprobieren können, ohne dass es in der Gesellschaft verschrieen ist, einen Lebenslauf zu haben, der nicht ganz linear ist.

Und wir sollten an Orten arbeiten können, die für uns passend sind. In Coworking Spaces oder von unterwegs aus. Die Digitalen Normaden machen es vor. Ich für mich selber habe festgestellt, dass das Arbeiten an verschiedenen Orten sehr anstrengend ist. Doch es soll mir möglich sein, heute ins Coworking Space zu gehen oder im Home Office zu bleiben – oder mich mit meinem Laptop an die Alster in Hamburg zu setzen. So soll es sein, anstatt dass mir jemand aufdiktiert, wo ich sein muss.

Diese Entwicklung wird unsere Arbeitswelt hoffentlich machen. Dass die jungen Generationen zukünftig gar nicht mehr auf dieses 40-Stunden-Modell festgelegt sind.

Ich halte es auch total für Quatsch, einen 8 Stunden Arbeitstag zu haben. Finde ich total Banane. Nur weil ich 8 Stunden irgendwo sitze, heißt es nicht, dass ich auch wirklich 8 Stunden lang arbeite.

Manchmal schaffe ich meine Arbeit in 6 Stunden oder in 4, und kann dafür andere Dinge erledigen, die Familie treffen, und dafür arbeite ich am Wochenende noch mal, wenns mir gerade passt. Dieses starre Korsett, was einem die Festanstellung und generell Deutschland vorlebt, ist nicht das, wie es in der Zukunft gut für uns sein wird.

Die Hürden auf dem Weg zur Selbstständigkeit

Worauf sollten Frauen achten, wenn sie sich in Zukunft erfolgreich selbstständig machen wollen?

Ein Problem, was viele Frauen davon abhält, sich selbstständig machen, ist

+ die finanzielle Unsicherheit. Das wir leider auch in 2030 nicht anders sein: Wir müssen Rechnungen, Miete, Rentenversicherung, Krankenkasse und anderes bezahlen. Da werden wir uns nicht von frei machen können. Das muss abgesichert sein, um die Kreativität und Konzentration für die Selbstständigkeit zu bewahren.
Für finanzielle Sicherheit können Rücklagen sorgen oder Darlehen, aber auch das ist ein emotionaler Druck. Besonders, wenn das Geld aus der Familie kommt.

Und wenn die Rücklagen nicht da sind, sollte man sich davon lösen, dass nur „entweder – oder“ geht, was bei mir früher der Fall war. Ich bin momentan nicht abgeneigt, meine Selbstständigkeit in Teilzeit nebenberuflich aufzubauen. Wer das macht, kann Dinge ausprobieren und prüfen, ob das, was man macht, überhaupt auf Resonanz trifft. Man kann checken, ob das Geschäftsmodell so passt. Das funktioniert besonders gut für diejenigen, die ein starkes Sicherheitsbedürfnis haben. Man kann auch einen Teilzeit-Job haben, der einem die Rechnungen bezahlt, und trotzdem selbstständig sein. Aus dieser Sicherheit kann man dann weiter wachsen.

+ dass viele Frauen nicht über ihre Ideen sprechen. Viel früher kann man gewisse Dinge evaluieren, und auf Resonanz prüfen. Man kann Freunden von seiner Idee erzählen. Man kann Personen auf Netzwerktreffen fragen. Wir sind auf den „Frau, frei &“-Treffen offen für Frauen, die sich selbstständig machen und von ihrer Idee erzählen wollen. So können wir gewisse Dinge auf Gelingen prüfen.

Erzählt man anderen von der Idee, macht man sich damit ungemein verletzlich. Besonders wenn die Idee noch in den Kinderschuhen steckt, kann die Euphorie durch Feedback von anderen auch schnell verloren gehen.

Genau, Thema Empowerment: Wir Frauen lassen uns leicht von unseren Vorhaben abbringen. Darum ist es wichtig, sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun und sich den Rückhalt zu holen.

Wir brauchen manchmal mehr Bestärkung als Männer. Die haben eine Idee, machen einfach und gucken dann mal.

Das kenne ich vom Lebensgefährten meiner besten Freundin: Der hat gerade eine GmbH gegründet mit einer Idee, und der hat sich gesagt: Ok, wir gehen all in und wenn’s nicht funktioniert, dann funktionierts nicht. Wenn dieselbe Idee eine Frau gehabt hätte, wäre das vielleicht anders gelaufen. Ich hätte direkt gesagt: Wieso denn eine GmbH? Eine GbR hätte es doch auch getan. Wir stärken uns gegenseitig, das ist uns bei Frau, frei & wichtig, uns Frauen im Netzwerk zu stärken.

Welche Chancen und Potentiale haben Frauen zukünftig?

Großes Thema ist die Digitalisierung. Vor zwei Jahren habe ich den berufsbegleitenden Master Next Media angefangen. Die These meiner Masterarbeit ist: Frauen gründen anders – wie kann ihnen die Digitalisierung in der Selbstständigkeit helfen? Wie kann die Digitalisierung ihnen helfen, sich selbstständig zu machen?

Frauen mit Kindern haben ganz andere Voraussetzungen. Die Digitalisierung kann ihnen in der Selbstständigkeit verhelfen, und ermöglicht flexibles arbeiten, zeitlich und örtlich. Und es ist möglich, ganz verschiedene Formen der Selbstständigkeit zu wählen.

Viele Leute verstehen neue Formen der Selbstständigkeit wie Solopreneurship und Online Unternehmertum noch gar nicht. Aber dass es da eben total viele Möglichkeiten gibt. Schon heute sind viele Leute damit erfolgreich und werden es auch zukünftig sein. Die Digitalisierung ermöglicht uns, Ideen umzusetzen.

Wie der Staat Selbstständigkeit erleichtern kann

Die Formen der Selbstständigkeit werden in Zukunft viel ausdifferenzierter. Stichwort Digitales Nomadentum, das eine globale Community erschafft. Die Arbeitswelt wird flexibel, und bei vielen ist das Potential, was in der Arbeit der Zukunft steckt, noch gar nicht angekommen. Es gibt mittlerweile Initiativen in Schulen, die das Gründen aus der Schule heraus möglich machen. In Wien haben 17- und 18-jährige Schüler ein Unternehmen gegründet. Sie haben sich mit regionalen Buchhändlern verbunden und als Konkurrenz zu Amazon einen E-Commerce Buchhandel aufgebaut, wo man über die Plattform ein Buch bestellt und im Umkreis vom Wohnort regional geguckt wird, wo ein Buchhändler gerade dieses Buch auf Lager hat und senden kann. Es gibt auch einen Lieferdienst, das haben die Schüler einfach selbst gemacht, um Geld zu sparen. Es ist so toll, dass Schüler auch vor der Volljährigkeit schon anfangen, unternehmerisch zu denken.

Da gibts auch eine Initiative in Hamburg: Futurepreneur. Die ermöglichen es Schülern in den Sommerferien, ihre eigenen Ideen aufzuziehen. Außerdem finde ich, sollten Praktika jedes Jahr zur Pflicht werden, um unterschiedliche Formen von Arbeit kennenzulernen.

Hamburgerin Sandra Stabenow ist selbstständig und Gründerin von einer Female Empowerment Plattform

Liebe Sandra, beschreibe dich und deine Leidenschaft in eigenen Worten.

Ich bin selbstständig im Bereich Social Media und Content Marketing. Seit drei Jahren bin ich freiberuflich tätig – doch ich bin dazu mehr zufällig gekommen. Ich hatte mich auf eine feste Stelle beworben, nachdem ich mein Social Media Volontariat abgebrochen habe. Ich habe die Stelle dann nicht bekommen. Mir wurde aber eine freie Stelle im Social Media Team bei einem großen Hamburger E-Commerce Unternehmen angeboten. Und die Chance habe ich ergriffen – so bin ich zur Sebstständigkeit gekommen. In der Anfangszeit meiner Selbstständigkeit habe ich mich viel mit anderen Frauen ausgetauscht. Meine heutige Freundin Judith habe ich damals im Praktikum bei der Petra und Für Sie kennengelernt, und die hat sich zum selben Zeitpunkt als Redakteurin und Autorin selbstständig gemacht. Und wir haben uns getroffen und über Themen gesprochen wie: Welche Rentenversicherung hast du, wie ist das mit der Krankenversicherung, machst du ein Geschäftskonto auf?

Diese leidigen Themen…

Ja, exakt die. Wir haben natürlich im Internet recherchiert. Die Themen gab es zwar online, doch sie wurden so erklärt, dass wir sie nicht verstanden haben. Dann ist die Idee gereift: Vielleicht könnten wir im Internet darüber sprechen? Wir haben uns auch gewünscht, dass es Vorbilder gibt. Wir haben recherchiert und einige Geschichten von Frauen gelesen, die sich selbstständig gemacht haben. Wir wollten mehr davon!

Dann haben wir zwei weitere Freundinnen dazugeholt und beim gemeinsamen Frühstück ist die Idee gereift, einen Blog für selbstständige Frauen zu gründen. Und das haben wir dann auch gemacht: Frau, frei & ist Ende 2014 entstanden. Die Idee war im Oktober da, im November war der Name da und im Januar 2015 war der Blog online. Und seitdem machen wir selbstständige Frauen sichtbar. Egal welche Selbstständigkeit: nebenberuflich Selbstständige, Gründerin, Unternehmerin, Solopreneurin – alle in ganz unterschiedlichen Branchen. Und da haben wir so spannende Storys von Frauen! Sie stellen wir vor und geben Informationen zur Selbstständigkeit weiter, die teilweise schwer zu verstehen sind.

Außerdem versuchen wir – ohne dass wir Experten sind – relevante Themen aus unsere Blickwinkel einfacher verständlich darzustellen. Wir beschäftigen uns auch mit Fragen, wie: Macht Selbstständigkeit dick? Fällt es einfach, sich selbstständig zu machen, wenn man reiche Eltern hat? Das machen wir seit zweieinhalb Jahren. Mittlerweile sind die anderen drei nicht mehr dabei. Nun ist es mein Projekt. Das will ich gerne weiter machen, weil ich es total wichtig finde, selbstständige Frauen in Deutschland sichtbar zu machen, auch aus dem Grund, dass sich dann andere noch mehr trauen, in die Selbstständigkeit zu gehen.

Ihr habt mit also beim Frühstück zusammengesessen und die Idee gesponnen, Frau, frei & zu gründen. Und auch jetzt hast du immer noch was mit dem Frühstück zu tun – und zwar lädst du zum Frühstück ein, wo Frauen hinkommen können, die selbstständig sind oder auf dem Weg dorthin sind, richtig?

Genau, das ist uns total wichtig. Uns hat der Austausch damals so viel gebracht. Dann haben wir gesagt: Komm, lass uns die Frauen untereinander vernetzen. Wir laden dazu ein, und wir gucken mal, wer so kommt. Wir haben also einen Tisch reserviert, hatten eigentlich mit uns zusammen acht Anmeldungen. Also ein Tisch für Acht. Und zum ersten Frühstück ist keiner gekommen, außer eine Frau, Gudrun. Danke Gudrun, dass du da warst! Sie ist mit ihrer kleinen Tochter gekommen. Und dann saßen wir da und haben überlegt: Machen wir das noch mal? Glücklicherweise haben wir uns dann noch mal getraut – und dann waren fünf Frauen da. Mittlerweile kommen zu unseren Treffen 15-20 Frauen. wir machen das einmal im Quartal. Und die Frauen vernetzen sich wirklich: Es sind schon Projekte daraus entstanden. Und die Frauen empfehlen sich weiter. Das ist genau das, worauf wir abgezielt haben.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Ich möchte auch weiterhin Frauen dazu empowern, sich selbstständig zu machen. Damals war es so: Nach meinem Abi bin ich ins Studium gegangen, und danach war Selbstständigkeit nie eine Option für mich. Da kann man mir vorwerfen, dass ich mich hätte informieren können. Doch in unserer Gesellschaft war und ist Selbstständigkeit noch kein großes Thema und auch das Sozialsystem ist gar nicht darauf ausgelegt.

Vielen Dank liebe Sandra für deine Zeit und dafür, dass du deine Erfahrung mit der Selbstständigkeit in die Welt bringst und Frauen inspirierst.

Sandras Links

+ Frau, frei & – Website
Das Seminar „Pinterest for Business“ mit Sandra und Ann-Kristin Umlauf

Lesetipps auf Frau, frei &:
Was ihr beachten müsst, wenn ihr euch als Student selbstständig macht
Interview mit Gründerin Daniela Batista Dos Santos (Wonderwoman Circle)
Buchrezension: Die Kunst des klaren Denkens – 4 Denkfehler vermeiden

 

Sandras Botschaft an alle Hamburger Frauen, die sich selbstständig machen wollen oder selbstständig sind: Wenn ihr aus Hamburg kommt, lasst uns doch gerne einen Kaffee trinken, ich freue mich immer euch kennenzulernen.

Buchtipps von Sandra

Shop Girls von Tina Schneider-Rading
Sugar Girls von Jana Henschel, Meike Werkmeister

In beiden Büchern geht es um Gründerinnen, die entweder ein Café (Sugar Girls) oder einen Laden (Shop Girls) eröffnet haben. Aus den einzelnen Geschichten kann man viel lernen. Außerdem gibt es in jedem Buch noch ein informativen Teil, in dem auch viele bürokratische Fragen zum Thema Selbstständigkeit mit Café und Laden besprochen werden.

+ Das Café am Rande der Welt
Das Buch ließ mich darüber nachdenken, was ich mit meinem Leben anfangen möchte.

(Bestell das Buch bei Buch7.de – der Online Shop spendet 75% seiner Einnahmen an soziale Zwecke).

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