#01 Wie werden wir uns in Zukunft selbst bewusster?

"Wir lernen das nicht in der Schule. Und plötzlich wird es im Beruf erwartet, dass wir uns selbst bewusst sind."
Stimmtrainerin Laura Wällnitz hat einen Podcast und trainiert als Coach Sei dir selbst bewusst Frauen, sich selbstbewusster zu präsentieren

Frage #01: Wie werden wir uns in Zukunft selbst bewusster sein? Sprechwissenschaftlerin und Trainerin Laura Wällnitz hat Antworten darauf.

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Über Laura

Laura ist studierte Sprechwissenschaftlerin und selbstständig als Trainerin für Selbstbewusstsein, Stimme und Rhetorik tätig. Wenn sie nicht Coachings und Seminare gibt, schauspielert sie – als Hobby. Ihre Leidenschaft fürs Theater hat sie in der Schulzeit entdeckt. Laura hilft als Trainerin überwiegend Frauen dabei, sich selbst bewusster wahrzunehmen und sich souverän zu präsentieren: in Rhetorik, Körpersprache & Stimme.

Laura, stell dir vor: Wir haben das Jahr 2030. Wie werden wir uns selbst bewusst sein und uns authentisch zum Ausdruck bringen?

Da gibt es zwei Dinge, die mir gleich einfallen: Zum Einen hoffe ich, dass wir uns auch 2030 trotz der Digitalisierung immer noch live sehen werden. Und ich habe etwas Angst davor, dass wir uns, anstatt uns mit unseren Freunden zu treffen, zuhause auf die Couch setzen und eine 3D Brille aufsetzen, mit der wir dann so tun, als säßen wir nebeneinander.

Hoffentlich, bitte, liebe Industrie, egal was ihr da gerade für ein Zeug entwickelt, bitte macht das nicht. Es ist so viel schöner, sich live zu treffen, miteinander Auge in Auge zu reden, sich umarmen zu können.

Selbst wenn es diese 3D Brillen dann gibt, hoffe ich, dass wir sie nicht häufig benutzen, sondern dass wir immer noch raus in die Welt gehen und uns sehen.
Zum Anderen bin ich gespannt, wo es mit den Social Media noch hingeht. Mit Instagram, Facebook und so weiter. Wir merken teilweise gar nicht mehr, was um uns herum passiert. Wir gehen durch die Welt und schauen nur auf unser Smartphone, wir sehen gar nicht mehr, wenn auf der anderen Straßenseite ein Freund geht, den wir grüßen könnten. Ich hoffe, dass das nicht noch schlimmer wird in Zukunft.

Wenn wir auch in 2030 uns noch selbst bewusst sein wollen, würde ich sagen: Legt das Handy weg oder die Technik, die wir dann haben werden.

Je mehr wir uns in irgendwelchen Texten und Bildern von anderen Menschen verlieren, desto mehr verlieren wir uns selbst. Dieses ganze Vergleichen ist ja jetzt schon krass. Mein Appell: Hör auf, dich zu vergleichen, denn das macht Social Media so viel einfacher. Nimm‘ dir am Tag eine Stunde Auszeit von TV, Laptop und Handy und beschäftige dich mal nur mit dir selbst und mach etwas, was dir gerade gut tut. Einen Spaziergang draußen, eine Meditation, eine Atemübung, höre in dich hinein: Was beschäftigt mich gerade? Worüber denke ich gerade nach, was ist gerade wichtig für mich? Das dürfen wir nicht vergessen, auch wenn wir in Zukunft noch mehr in der digitalen Welt abhängen.

Wir sollten nicht aus der realen Welt verschwinden. Wir sollten die digitale Welt nicht über uns herrschen lassen.
Laura Wällnitz ist Stimmtrainerin und coacht Frauen für eine bessere Stimme und Körpersprache

Welchen Herausforderungen tauchen in deinen Coachings immer wieder auf?

Die Tonlage. Die Stimme. Frauen fühlen sich häufig unwohl mit ihrer Stimme, wie die Stimme klingt und wie es sich anfühlt, zu sprechen. Das kommt davon, dass viele Frauen höher sprechen, als sie eigentlich sprechen würden. Das habe ich selbst in Coachings für mich erarbeiten müssen. Ich habe meine richtige Sprechstimmlage gefunden. Warum vor allem Frauen zu hoch sprechen, hat mehrere Ursachen.

Zum Einen ist es die Gewohnheit. Vielleicht hat man als Kind oder Mädchen die Stimme der Mutter imitiert. Und mit Kindern spricht man ja auch meist mit höherer Stimme.
Aber warum sprechen Frauen höher und Männer nicht? Weil Frauen nicht im Stimmbruch sind, zumindest nicht den extremen, den Männer haben. Darum bleiben Frauen in ihrer antrainierten zu hohen Stimmlage.
Das ist das Hauptproblem. Wir fühlen uns mit zu hoher Stimme aber häufig unwohl, und außerdem ist es anstrengend für die Stimmmuskulatur, für den Hals, fürs Sprechen. (Laura imitiert eine sehr hohe Stimmlage). Auch für den, der uns zuhört, ist es anstrengend, zuzuhören (oh ja!). Eine Klientin hat mich vor kurzem erzählt, dass sie es sich nicht traut, tiefer und entspannter zu sprechen. Weil man von Frauen erwartet, dass die Stimme heller, höher, engelsgleich klingt. Das wird ja auch immer mit Freundlichkeit verbunden.

Ich ertappe ich mich auch ab und zu dabei, dass ich in der Stimmlage hochrutsche.

Und da setzt das Bewusstsein ein, du bist dir selbst bewusst, wie deine Stimme klingt und wie es sich anfühlt. Und wie fühlt es sich an, in eine tiefere Stimmtonlage zu kommen? Wahrscheinlich ist es viel angenehmer. Es klingt auch viel schöner. Gleichzeitig strahlst du nach außen, wirkst stärker und souveräner.
Eine andere Herausforderung, die viele Frauen haben, ist die Lautstärke. Sie würden gerne lauter sprechen. Das hat auch etwas mit Selbstbewusstsein zu tun und mit der Gewohnheit, dass wir die Stimme falsch einsetzen.
Um eine lautere, tragender Stimme zu haben, brauchen wir beim Sprechen eine Stimmstütze. Das heißt: Wir nutzen das Zwerchfell und die Bauchatmung beim Sprechen, also die Tiefenatmung.
Das kann man lernen mit ganz einfachen Stimmübungen. Damit lernen wir, beim Sprechen nicht mehr die Halsmuskulatur anzuspannen, sondern die Kraft aus dem Bauch und aus dem Zwerchfell kommen zu lassen. Dann wird die Stimme auch wieder entspannter und lauter.
Ein weiteres Thema ist das innere Selbstbewusstsein: Das Selbstvertrauen in sich und seine Stärken. Viele Frauen sind viel zu kritisch mit sich selbst. Ich sehe das so oft, wenn wir in Seminaren eine Spontanrede üben. Dazu stellt sich jeder Teilnehmer fünf Minuten vor der Gruppe hin und erzählt etwas, manchmal auch begleitet mit Video-Feedback. Wenn ich dann frage, wie sie sich dabei gefühlt haben, antworten die Frauen häufig: ganz schrecklich. Und die anderen Teilnehmer können das gar nicht verstehen, hatten eher das Gefühl, die „Vorsprechende“ habe sich wohl gefühlt, sogar Spass gehabt und wirkte dabei souverän. Wir kommen viel besser rüber, als wir denken. Diese ganzen Fehler sehen nur wir. Und wenn wir endlich aufhören, uns statt auf die Fehler auf die Stärken zu konzentrieren, dann fühlen wir uns gar nicht mehr so eingeschränkt.

Warum selbstsicheres Auftreten besonders für Frauen wichtig ist.

Laura berichtet von einer Erfahrung, die sie kürzlich auf einer Netzwerkveranstaltung für Gründer gemacht hat:

Ich war auf diesem Event als freiberufliche Trainerin. Und dann saß ich da am Tisch mit vier Jungs. Wir haben uns unterhalten, und dann kamen Leute vorbei und haben jeden einzelnen der Männer gefragt, womit sie denn selbstständig seien? Anstatt mich dasselbe zu fragen, fragten sie mich: „Und, mit wem bist du hier, hat dein Freund dich mitgebracht?“
Keiner kam auf die Idee, dass ich das als Frau auch kann. Und es waren an dem Abend tatsächlich wenig Frauen dort.
Da denke ich mir: Was läuft da falsch in der Gesellschaft? Wir Frauen bringen für das freiberufliche Arbeiten bestimmte Eigenschaften mit, die dafür stark sind. 
Und das trifft in so vielen Lebensbereichen zu. Liebe Frauen, wir können so viel mehr, wir brauchen uns nichts bieten zu lassen. Dessen müssen wir uns bewusst werden und dann können wir es auch zeigen.

Wie wäre für dich eine Utopie: Was müsste passieren, dass wir uns in der Gesellschaft authentisch und selbstsicher präsentieren?

Wir müssen zukünftig:

  1. uns selbst und anderen gegenüber ehrlicher sein. Uns selbst bewusst sein über eigene Stärken und Schwächen, und wenn wir mal nicht weiterkommen, auch mal um Hilfe zu bitten.
  2. uns füreinander interessieren und einander unterstützen: Warum sind wir alle so häufig gegeneinander? Warum arbeiten so viele Menschen unter Konkurrenzdruck? Warum fördern so viele Chefs die Konkurrenz noch? Wenn wir miteinander arbeiten würden, fühlen wir uns viel wohler, motivierter, und die Ergebnisse wären viel besser.
  3. mehr zu uns selbst finden, bewusster leben. Bewusster leben, bewusster essen, bewusster Sport machen. Im Hier und Jetzt bewusst wahrnehmen, dann fühlt sich jeder Moment viel voller an. Wenn wir jeden Moment leben, fühlt sich das Leben viel intensiver an.
Diese Dinge führen dazu, dass wir uns mehr bewusst darüber sind, wer wir sind und wie wir wirken. Doch das lernen wir nirgendwo.
Wir lernen das nicht in der Schule. Das ist so essentiell. Und plötzlich wird es im Beruf erwartet, dass wir uns selbst bewusst sind.
Dieses Jahr habe ich ein paar Seminare in Schulen gehalten, Bewerbungstrainings für die 11. Klasse. Und die Schüler waren so dankbar darüber. Sie haben Dinge gefragt über Selbstbewusstsein, die für uns eigentlich ganz selbstverständlich sein sollten, von denen haben die noch nie gehört. Und am Ende haben sie mich gefragt, wann ich denn wiederkomme…

Wir sollten nicht mehr im Außen auf der Suche nach Bestätigung sein. Wir brauchen nicht immer lieb und freundlich sein. Ich muss mir selbst gefallen und nicht den anderen.

Ja, ganz ehrlich: Meistens denken die anderen gar nichts über dich, weil jeder in Gedanken viel mehr bei sich ist. Und wer lebt dein Leben? Wer macht jeden Tag deinen Job? Machen das deine Eltern, dein Partner, die Leute auf der Straße? Nein, du selbst! Wenn du dir darüber bewusst bist, was du tun möchtest, welchen Job du machen möchtest – hast du das  erstmal herausgefunden, dann ist es völlig egal, wie andere Menschen dazu stehen.
Häufig bekomme ich auch blöde Kommentare von Bekannten, die normal arbeiten gehen. Und die sprechen mich dann an, und fragen, was ich da wieder für ein komisches Video bei Facebook hochgeladen habe.
Das juckt mich gar nicht. Weil ich weiß, wofür ich das mache, dass ich dafür lebe, dass ich das liebe und dass ich es immer lieben werde.

 

Danke Laura für deine Zeit und dein Selbstbewusstsein, das du in die Welt bringst und mit der du uns in Zukunft bereichern wirst.

Wer mehr von Laura erfahren möchte, findet sie hier:

+ Website: Seidirselbstbewusst.de
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Höre das gesamte Interview im Podcast! PLUS: Ab Minute 34 gibt Laura Übungen zum bewussten Wahrnehmen und mehr Selbstbewusstsein.

Lauras Buchtipp

#Girlboss von Sophia Amoruso. Laura: „Sie ist schon sehr polarisierend, aber eine starke und interessante Persönlichkeit, von der man viel für sich mitnehmen kann.“ (Bestelle bei Buch7.de – der Online Shop spendet 75% seiner Einnahmen an soziale Zwecke.)

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