#02 Wie wird Design Thinking unser Leben und Arbeiten verändern?

"Produkte sollen wirklich gut für Menschen sein. Und nicht wie der Energy Drink, bei dem das Marketing alle Bedürfnisse aufgreift."
Anna-Milaknis-Design-Thinking-Beraterin-Gründerin

Frage #02: Wie wird Design Thinking unser Leben und Arbeiten verändern? Design Thinking Beraterin Anna Milaknis hat Antworten.

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Über Anna

„Dieses Design Thinking ist so schlau, das muss ich unbedingt weitermachen!“

Anna Milaknis ist Design Thinking Beraterin und Gründerin der Froglist, einer Produktivitätsmethode für Freelancer.
Zum Design Thinking ist sie durch Zufall (oder Schicksal!) gekommen. Im Studium hat sie eine Freundin spontan zu einem Workshop zum Thema Elektroschrott begleitet. Dieser Workshop stellte die Methode Design Thinking zur kreativen Problemlösung vor. Da hat es gefunkt: Kurz darauf bewarb sich Anna an der Design Thinking School in Potsdam und macht dort die einjährige Ausbildung. Danach arbeitete sie neun Monate im Big Data Lab von Volkswagen, dann gründete sie mit zwei Freunden die Design Thinking Beratung Open Mind. Zwei Jahre lang baute sie die Beratung mit auf, bevor sie nach München zog, wo sie jetzt ihre eigenen Visionen verfolgt. Ihre neuste Gründung: die Froglist, Poduktivitätsmethode für Freelancer.

Anna, was ist Design Thinking? Erkläre die Methode doch gerne mal anhand deiner neusten Gründung, der Froglist, die du mit Design Thinking entwickelt hast.

Anna: Design Thinking ist eine Methode, um auf neue Ideen zu kommen. Zum Beispiel Produkte, Dienstleistungen, Geschäftsmodelle oder neue Userexperience zu entwickeln. Das Besondere: Der Mensch ist im Fokus. Man versucht immer als Erstes herauszufinden, was der Menschen wirklich braucht. Und zwar herauszufinden, was er wirklich braucht und nicht immer das für wahr zu nehmen, was er sagt, was er braucht. Und dann fragt man sich, was man entwickeln kann, um dem Menschen zu helfen.

Die Frog List ist aus Design Thinking heraus entstanden. Nach der Zeit bei Open Mind war ich Zuhause als Freelancerin tätig. Dabei habe ich mich öfter auf der Couch beim Schlafen erwischt, als beim Arbeiten. Dann hab ich mich gefragt, was mit mir los ist, warum ich nur rumhänge.
Schließlich habe ich einfach gemerkt, dass man als Freelancer und Selbstständiger Zuhause isoliert ist. Man braucht den Austausch, und wenn man den nicht hat, fehlt es an Motivation.
Das habe ich also beobachtet: Es gibt ein Problem, und zwar allein im Home Office zu sein ohne den Austausch mit anderen Menschen. Dann habe ich dazu Interviews geführt. Ich bin durch Deutschland gefahren und habe Menschen interviewt. Ich habe weiter versucht herauszufinden: Was brauchen sie, wenn sie allein im Home Office sind? Was sind ihre Probleme? Wie organisieren sie ihre Unterlagen? Wie sind sie produktiv? Die Fragen lässt man sich im Design Thinking nicht durch einen Fragebogen beantworten. Es ist total wichtig, dass man zu den Menschen nach Hause fährt. Und dann bin ich irgendwo zu einer Adresse gefahren, stand da ganz alleine vor der Tür und dachte: Oh Gott, wer da nun auf macht… Aber dann waren die Begegnungen immer toll.

Wie hast du die Interviewpartner gefunden?

Ich habe über Facebook einen Aufruf gestartet und gefragt, wer Lust hat, dass ich ihn besuche.

Wir haben also die Interviews geführt, dann habe ich alles auf Post-Its geschrieben. Die sind super, um Informationen zu sortieren. Dann habe ich die Infos geclustert, die spannenden Themen herausgesucht und Zusammenhänge erkannt. Daraufhin habe ich Brainstorming-Fragen entwickelt:

Wie kann ich Menschen im Home Office helfen, nicht mehr so allein zu sein, ohne, dass sie ihr komfortables Home Office verlassen müssen?

Denn wir wollen ja frei sein, wir wollen individuell arbeiten.

Und aus der Fragestellung habe ich die Froglist entwickelt. Das Konzept: Man telefoniert zwei Mal am Tag mit seinem Workbuddy. Der Workbuddy ist wie ein virtueller Kollege. Man erzählt sich morgens: Was möchte ich schaffen? und abends: Was habe ich geschafft? Das ist wie ein kleiner Kaffeeklatsch. Zwei Mal fünf Minuten am Tag.

Und aus dieser Idee vom Brainstorming bin ich in den nächsten Schritt gegangen und habe einen Prototyp gebaut. Mein erster Prototyp: Ich habe angefangen, mit meiner Schwester zu telefonieren. Die musste sich das also leider alles anhören – danke an dieser Stelle.

Sie ist nicht selbstständig tätig?

Nein, sie ist Studentin und musste noch ihre Bachelor Arbeit schreiben. Ihr hat das regelmäßige Telefonieren auch geholfen.
Anna Milaknis ist Design Thinking Coach und Innovationsberaterin

Genau. Studenten sind auch viel im Home Office, die Froglist passt ja auch für die sehr gut.

Genau. Im nächsten Schritt habe ich meiner Mastermind Gruppe von meiner Idee erzählt, und dass das mit meiner Schwester und mir total gut funktioniert, ich viel motivierter bin und mich schon tagsüber darauf freue, abends zu erzählen, was ich geschafft habe. Dann hat mein Master Mind Team auch damit angefangen und beim nächsten Treffen haben sie nur noch davon erzählt. Meine Master Mind Gruppe war der zweite Prototyp.
Dann dachte ich mir: Wenn das so gut funktioniert, dann versuche ich jetzt wirklich eine Methode daraus zu machen. Das war sozusagen mein dritter Prototyp: Innerhalb von drei Tagen habe ich eine Website gebaut, habe eine PDF erstellt und darin erklärt, wie die Methode funktioniert, und habe es online gestellt, auch schon zum Verkauf. Dann habe ich noch ein Matching zwischen den Workbuddys angeboten. Das war zu der Zeit noch Fake. Ich habe nur die Klicks gezählt darauf.

Und wie gut lief das Matching?

Überhaupt nicht! Dieser Prototyp war ein totales Desaster. Es hat keiner gekauft. Ich hatte keine Verkäufe und vielleicht 3 Klicks auf den Matching-Button. Es gibt einen Spruch im Design Thinking:

Fail early and often.

Und dann weiterentwickeln und besser machen.

Genau, aber man muss auch entscheiden: Was ist denn der Fail? Heißt es, die Idee ist nicht gut? Oder ist es so, wie es im Moment präsentiert wird, noch nicht richtig? Dann habe ich noch einen Versuch gemacht. Ich wollte die Froglist einfach noch nicht aufgeben.
Ich habe das Guidebook, das ich schon geschrieben hatte, kostenlos auf die Website gestellt und das Matching für 19 Euro angeboten und auch wirklich angefangen zu matchen. Das ist jetzt auch der aktuelle Prototyp, der läuft. Und es sieht gut aus: Mittlerweile haben sich 150 Leute das Guidebook heruntergeladen und 30 Leute das Matching Programm gekauft. Diese Kunden habe ich mit einem Persönlichkeitstest zusammengeführt. (…) Gestern habe ich zum ersten Mal die Rotation getestet. Auf Dauer funktioniert das Modell nur, wenn die Partner auch durchmischen, damit man möglichst viele verschiedene Eindrücke von seinen Workbuddys bekommt.

Ich habe also wechselnde Workbuddys.

Genau, wenn du möchtest. Das sehe ich jetzt auch wieder als Test. Ich frage also, wer bei der Rotation mitmachen möchte und wie es ihnen gefällt.

Design Thinking - die Kreativmethode

Anna über Design Thinking
„Manche Leute sagen, Design Thinking sei ein Mindset, andere sagen, es sei eine ganze Philosophie. Noch andere sagen: Es ist einfach ein Prozess.
Ich finde, Design Thinking besteht vor allem aus drei Komponenten:
1. dem Design Thinking Prozess,
2. dem nutzerzentrierten Mindset – egal, was du machst, denke immer vom Nutzer her.
3. dem Raum und der Arbeitsweise. Mit Post-Its arbeiten, an Boards arbeiten, viel im Stehen. Wenn man diese Elemente komibiniert, kommt man dem Design Thinking nahe.“

 

Der Design Thinking Prozess

Die Schritte im Design Thinking sind iterativ: Das heißt, sie können beliebig häufig durchlaufen werden. Kommt das Team an einem gewissen Punkt im Prozess nicht weiter, geht das Team einen oder mehrere Schritte zurück – je nach dem, wo sie im Prozess noch einmal ansetzen müssen, um sich zu korrigieren.
Die Schritte, um ein Nutzerproblem zu lösen (z.B. für Produktentwicklung oder Projektkonzeption):
 
1. Problemanalyse: Gemeinsames Verständnis vom Problem?
2. Informationen sammeln: Kunden befragen, Situationen beobachten
3. Standpunkt herausarbeiten auf Grundlage der erhobenen Daten: Wo liegt das Problem? Wie kann man die Herausforderung in wenigen Sätzen formulieren?
4. Brainstorming: Ideen finden, die das Problem lösen
5. Prototyp erstellen: Aus den Ideen die scheinbar beste wählen und in der Praxis testen (App, Produkt, Website usw.)
Entwickelt wurde die Methode von den US-Amerikanern Terry Winograd, Larry Leifer und David Kelley. Unternehmer Hasso Plattner hat die Kreativmethode nach Deutschland gebracht und mit seiner School of Design Thinking groß gemacht.

Jetzt geht es um deine Utopie: Wie könnte Design Thinking unsere Zukunft positiv beeinflussen? Versetze dich mal ins Jahr 2030.

2030 ist extrem weit weg, Wahnsinn. Also. Es gibt Design Thinking schon ewig – seit 30 Jahren. Jeder sagt gerade: Wow, das ist total neu. Nein, es wird gerade nur gehypt, auch in den Konzernen. Konzerne fangen jetzt an, so zu denken, wie Start Ups. Nutzerorientiert.

Und das ist mein Wunsch für die Zukunft:

Konzerne müssen Produkte und Services FÜR Menschen machen. Wenn sie das nicht tun, werden sie nicht mehr lange existieren. 

Und das ist das Schöne am Design Thinking. Dass die Produkte auch wirklich gut sind für Menschen. Und zwar nicht wie ein Energy Drink, der eigentlich vom Produkt her kaum etwas gibt, aber vom Marketing her alle Bedürfnisse aufgreift. Das ist für mich keine gute Produktentwicklung. Produkte sollen für Menschen da sein. Und das ist der Ansatz vom Design Thinking.

Diese Entwicklungen sehen wir zum Beispiel bei Airbnb, Apple und Google. Das basiert alles auf den Design Thinking Prinzipien.

In Zukunft verändert Design Thinking die Welt so, dass es bessere Produkte gibt für Menschen, dass die Menschen in den Konzernen tausend Mal mehr Spass haben, weil sie gemeinsam im Team zusammenarbeiten, in flachen Hierarchien und kreativ.

So hat man innen und außen eine wunderschöne Entwicklung. Design Thinking ist ein Zurückgehen zum Denken wie ein Kind. Neugierig zu sein, nach dem Warum zu fragen. Nicht an der eigenen Idee zu hängen, weil das Ego daran hängt. Kritik zurückstellen, auf den Ideen der anderen aufzubauen und als Team zu denken, anstatt als Genie alleine zu versauern. Mein Wunsch ist, dass die Menschen so arbeiten.

Ich war gestern auf einem Design Thinking Workshop. Da war ein Produktentwickler am Ende ganz erstaunt, wie viel nutzerorientierter er und seine Kollegen an die Entwicklung noch rangehen können. Häufig meinen sie schon zu wissen, was der Nutzer braucht und entwerfen und entwickeln Produkte, ohne wirklich zu wissen, ob es tatsächlich das Richtige ist.

Wir sind darauf getrimmt, wenn es eine Frage gibt, direkt eine Antwort darauf zu finden. Das kennen wir aus der Schule und von der Arbeit. Da können wir nicht sagen: Ich denke da mal 3 Tage drüber nach. Es ist aber total wichtig, dass wir das Problem herausfinden. Albert Einstein hat einmal gesagt: Wenn ich eine Stunde Zeit hätte, eine Lösung zu finden, würde ich 55 Minuten über das Problem und 5 Minuten über die Lösung nachdenken. Das machen wir auch im Design Thinking. Wenn wir das Problem gefunden haben, geht es viel schneller, die Lösung zu finden.

Danke Anna für deine Zeit und deine kreative Energie, die du in die Welt bringst und mit der du die Zukunft bereichern wirst.

Wer mehr von Anna erfahren möchte, findet sie hier:

+ Website: Froglist
+ Facebook: Froglist
+ Instagram: @Anna_von_Froglist

Dieses Interview ist ein Auszug. Das Original Podcast-Interview ist noch umfangreicher. Dort hörst du außerdem: Design Thinking schweißt zusammen. Wie völlig Fremde in einem Team durch Design Thinking zusammenwachsen. Und: Was bedeutet Design Thinking für Veränderungsprozesse unserer Arbeit – Stichwort New Work?

Mehr Tipps von Anna Milaknis

Buchtipp

Creative Confidence – Unleashing the Creative Potential Within Us All von Tom und David Kelley, den Gründern von IDEO und den Mitbegründern vom Design Thinking. (Bestell das Buch bei Buch7.de – der Online Shop spendet 75% seiner Einnahmen an soziale Zwecke).

 

Linktipp

Von den Erfindern des Design Thinking: OpenIdeo setzt Design Thinking für gute Zwecke ein, um Probleme der Welt zu lösen. Außerdem gibt es zahlreiche kostenfreie Unterlagen und E-Learning Einheiten, um sich mit Design Thinking vertraut zu machen.

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